Monatsarchiv: September 2009

Nicht-wählen wählen

Inspiriert durch Artikel in SZ und „Menschen bei Maischberger“ gestern

Ticker: Aufruf zum Nichtwählen als Protest gegen Wahlkampf-Politik

In einer Demokratie haben die Menschen zwei Möglichkeiten zur politischen Partizipation. Die indirekte ist die öffentliche Diskussion beziehungsweise Meinung, in der Regel durch die Medien transportiert, die direkte ist die Wahlfreiheit. Am 27. September hat jeder von uns die Möglichkeit, seine eigene Meinung zu vertreten. Und das ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern auch die Pflicht der Bürger in einem demokratischen Staat. Wer diese Pflicht nicht erfüllt, kann sich nicht darüber beschweren, dass die Politiker ihren Pflichten nicht nachkommen.

Hitler ist nicht durch eine zu hohe Wahlbeteiligung an die Macht gekommen

Zum Hauptargument der Nicht-Wähler-Bewegung gehört, dass eine niedrige Wahlbeteiligung noch keinem Staat geschadet hat, allerdings eine zu hohe wie damals bei der NSDAP. Das ist so aber nicht richtig. Hitler konnte die Macht übernehmen und eine Dikatatur errichten, weil das gesetzliche Fundament noch Lücken hatte. Notstandsgesetzgebung ist das STichwort. Heute hätte eine zu hohe Wahlbeteiligung keine derartigen Konsequenzen. Durch das Mehrheitswahlrecht hätte dann zwar eine Partei enorme gestalterische Freiheiten, aber die müssten zumindest insofern der Bevölkerungsmeinung entsprechen, dass die Partei nach vier Jahren wiedergewählt würde. Das ist Demokratie und die sollte gepflegt werden.

Ein anderes Argument ist, dass Wählen wie Lottospielen geworden ist. Man macht sein Kreuz, weiß aber nicht was man bekommt, geschweige denn, ob es ein Gewinn wird. Zugegeben, Wahlversprechen-Brechen ist nicht erst seit Ypsilanti in Hessen ein Problem und auch nicht zu entschuldigen. Die Parteien dürfen das Vertrauen ihrer Wähler nicht mißbrauchen. Aber sollte nicht gerade dann die Wahl ein  Mittel zur Abstrafung sein? Das Signal des Volkes: so nicht! Eine andere Partei wählen macht das deutlicher als nicht zu wählen.

Es muss ein Konsens gefunden werden – das ist Demokratie

Und ja, natürlich werden Wahlversprechen nicht nur gebrochen, sondern auch nicht eingehalten. Wenn man zur Wahl geht, entscheidet man sich für ein Parteiprogramm, das seinen Interessen entspricht und erwartet somit, dass diese auch umgesetzt werden. So sieht das auch derjenige, der vor einem in der Wahlkabine war und die gegnerische Partei gewählt hat. Beide Interessen müssen in einer Demokratie berücksichtigt werden und das geht nur über den Konsens. Das der nicht immer die Wünsche jedes Einzelnen komplett erfüllen kann, dürfte auch klar sein. Wichtig ist aber, dass überhaupt die Interessen des Volkes ersichtlich werden. Nur so kann annähernd eine repräsentative ENtscheidung getroffen werden.

Was wäre denn, wenn die Interessen der extremen Rechten überwiegen, ohne Gegengewicht? Oder einer anderen extremen Partei? Genau das kann passieren, wenn die Wahlbeteiligung zu niedrig ist. Denn es ist davon auszugehen, dass die Anhänger von extremen Parteien ihr Wahlrecht beanpsruchen, um ihre extremen Positionen durchzusetzen. Übrigens: vor allem dann, wenn sie mitkriegen, dass es einen großen Anteil Nicht-Wähler geben könnte.

In dieser Diskussion überhaupt liegt eine große Gefahr. Denn die reflektierten und bewussten Nicht-Wähler sind die eine Sache, aber was ist mit den viel zitierten „faulen“ Wählern, denen das nur eine willkommene Entschuldigung und Rechtfertigung ist, am kommenden Sonntag lieber was Schönes zu unternehmen? Sind ja schließlich nicht die einzigen und Sinn hat diese Wahl ja sowieso keinen, was man so hört.

Die Pflicht zur Wahl zu gehen sollte nicht in Frage gestellt werden, auch wenn die Politik es einem manchmal schwer macht, an die Partizipation zu glauben. Das Wichtigste ist, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt zu wählen. Denn auch wenn die Mühlen der Demokratie manchmal langsam laufen und politische Entscheidungen scheinbar unendlich herauszögern, ist diese Form immer noch die einzig Wahre. Das sollten wir ,gerade wenn wir 60 Jahre zurückdenken, auf keinen Fall vergessen.

Zivilcourage für Anfänger

Anlässlich des Artikels „Unter diesem Himmel“, SZ, S.3, Freitag, 18.September, sechs Tage nach dem Mord von Solln

Der Abschnitt über die Zivilcourage ist irgendwie zu kurz gekommen. Man kann es nicht oft genug sagen.

Bevor der Kurs beginnt: Stellt euch vor, dass wäre euer Vater/Sohn/Onkel/Nachbar/Freund/Verwandter gewesen, der da letzten Samstag am Boden auf dem Bahnsteig in Solln lag und an seinen inneren Verletzungen gestorben ist.War er ja nicht? Was wenn er es das nächste Mal ist? Wie sollten sich die „Zeugen“ verhalten?

1. „Ich kenn den doch gar nicht“

Nach einer Theorie kennt man jeden Menschen in dieser Welt über maximal sieben Ecken. Es gibt keinen Menschen, vor allem kein Menschenleben, das uns nichts angeht.

Wegschauen? Auf der Autobahn glotzt ihr doch auch so gerne, wenn ein Unfall passiert ist. Oder wo kommen sonst die Staus auf der Gegenfahrbahn her? Interessiert es euch da, ob ihr das Opfer kennt?

Im Internet könnt ihr gar nicht genug Menschen eure Freunde nennen, selbst wenn ihr nicht mal ihren richtigen Namen kennt. Ihr chattet stundenlang mit jemandem, der eine völlig andere Person sein könnte, und in der Realität könnt ihr euch einreden: Der geht mich nix an!

2. Was kann ich allein schon ausrichten?Das hat man ja bei Dominik Brunner gesehen!

Zunächst einmal ist der Mut zu würdigen, den Dominik Brunner an den Tag gelegt hat. Und jedem, der diesen Vorfall als Entschuldigung für sein eigenes Nix-Tun benutzt, ist zu wünschen, dass ihm das nie selbst passiert. Und wenn doch: dass dann viele Menschen anwesend sind, die sich das Verhalten von Dominik Brunner zum Vorbild nehmen und IRGENDETWAS tun.

Denn genau darum geht es doch: IRGENDETWAS tun. Es gab um die 15 Augenzeugen. Was war mit denen los?

Es ist davon auszugehen, dass allein vier Personen genügt hätten, um zwei Jugendliche zurückzuhalten.Zur Not hätte aus der Entfernung schreien geholfen. So blöd das klingt: Act Crazy! Unerwartetes Verhalten kann Täter irritieren: Am leichtesten ist nunmal lautes Schreien!

Man sollte die Menschen um einen herum ansprechen und mit diesen gemeinsam den Jugendlichen mitteilen, dass die Polizei verständigt ist und gleich vor Ort sein wird. Das kann man auch aus einiger Entfernung tun. Aber wer weiß: Vielleicht wäre genau die kurze Zeit Ablenkung nötig gewesen, um den tödlichen Tritt zu verhindern. Ein geschlossenes Auftreten wirkt abschreckend.

Außerdem bleibt da immer noch: Handy raus, Polizei und Krankenwagen anrufen! Das ist das Mindeste!

3. Die Notrufsäule war kaputt. Ich habe kein Handy.

Fragen!

Kann jemand die Polizei rufen? Hat jemand schon die Polizei gerufen?

Wenn man öfters in der S-Bahn fährt, kommt einem diese Ausrede am lächerlichsten vor.

Denn das ist doch schon der KLassiker: Klingelton hier, Jamba dort, Dinge,die man von seinem Sitznachbarn nie erfahren wollte…

4. Ich habe ja gar nicht gesehen, was da vorgeht!

Ein Mann liegt am Boden und andere treten auf ihn ein. Muss man dazu wirklich mehr sagen?

Und sollte die Situation unklar sein, gilt wieder: aus der Entfernung kann man das vermeintliche Opfer mal rufen: Ist alles okay bei Ihnen? Die Reaktion müsste schon einiges zeigen. Weitere Alternative: weitergehen und dann aus größerer Distanz die Situation beobachten. Sobald es zu Gewalt kommt, die in 2 aufgeführten Schritte anwenden:Polizei und Krankenwagen rufen, Leute um sich herum ansprechen und gesammelt näher an den Ort des Geschehens gehen und versuchen in Kontakt zu treten.

5. Da waren andere viel näher dran als ich!

Und, tun die was? Oder gucken die weg?

Hingehen! Reden! Aufrütteln!

Oft reicht es, wenn einer den ersten Schritt macht! Das ist dann wie ein Schneeballsystem!

6. Ich wollte nix Falsches machen!

In diesem konkreten Fall von Solln: Was genau hätte man tun können, das den Ausgang noch verschlimmert hätte? Das Opfer ist tot. Unter der Voraussetzung, das man sich nicht selbst in Gefahr begibt, was hätte man falsch machen können?

7. Welche andere Ausrede auch immer

Es ist davon auszugehen, dass die Menschen, die dort am letzten Samstag in Solln waren, ihr ganzes Leben daran erinnert werden, dass sie einen Menschen mit auf dem Gewissen haben.Wer sich sicher sein kann, alles Nötige versucht zu haben, wird mit so einem Erlebnis normal weiter leben können. Außerdem: Beim nächsten Mal könnte man es selbst sein!

Wer nichts tut, wird Mittäter! Das sollte einem bewusst sein.

Dominik Brunner hat alles richtig gemacht. Nur ist er vermutlich davon ausgegangen, dass mehrere Menschen auf dieser Welt so couragiert sind wie er und hat sich deswegen sicher gefühlt, nicht allein, am hellichten Tag. .

brunner_toechter_ge_897636g


Lästern ist angesagt

Inspiriert von der visuellen  Hassliste auf sueddeutsche.de, Bilder auch davon geklaut;-)

Ticker: Bilder reichen nicht – LÄSTERN ist angesagt

Es ist doch irgendwie immer das Gleiche.

Ein neuer Trend!Waaaa…alle rennen los und essen es, trinken es,ziehen es an, gucken es, sprechen über es…in der Regel aber auf jeden Fall immer:

KAUFEN ES!

459Nerd_iStock_000007720323-1251722564

Du noch nicht?

Es ist ja soo toll…innovativ ..cool..sinnlos, aber soooo süss….bequem…

praktisch…whatever

Und ganz toll ist es, wenn es die anderen noch nicht kennen. Wenn sich der hinter mir in der Schlange fragt:

Was zur Hölle wird da bestellt?

D s ch ei-Latte-to-go???? Ei, Latte, Igitt!

Um dann kurz darauf zu erkennen , wie furchtbar er doch dem Trend hinterherhinkt, da der hinter ihm auch eine

Dschei-Latte-to-go-spicy-flavored bestellt!

Da hilft nur:

Nerd-Brille auf und: Das muss ich mal Googeln. Muss furchtbar 2001 sein, wenn ich das nicht kenne.

Aber wieso wollen wir es alle, um dann zu sagen, dass wir es furchtbar finden?

Oder besitzen wir es gar nicht und sind nur die Trend 2.0-Gruppe, 2.0 wird auch absolut überstrapaziert,  die dann unheimlich cool ist, weil sie diese Crocs niemals angezogen hätte?

Ich bitte dich. Noch ein Eimer und ne Harke in die Hand und ich kann mich als Gartenzwerg in den Vorgarten meines Nachbarn stellen, tssss…Crocs.

Krokodil nur als Handtasche…Hahahahahaa. Seit wann ist praktisch en vogue? Ist ja wohl eher en Sofa!

459-crocs_dpa-1251710704

Das würde bedeuten, es gibt eine Gruppe, die sogenannte Werbezielgruppe, die eifrig konsumiert, um dann irgendwann blöd dazustehen mit ihren Crocs, der Nerd-Brille und einer Chai-Latte-to-go in der Hand.

Und die andere Gruppe, die vermutlich mehr Wert auf gute Bücher legt oder so, die dann irgendwann behaupten kann, sie wäre retro und somit wieder furchtbar „in“.

Dazwischen sind auch noch die, die erstmal alles blöd finden, sich dann aber doch fügen. Sozusagen die Trend-Schläfer. Die kaufen sich die Sachen dann wenn sie billiger sind, nur um dann zu sagen:

Nee, den normalen Preis hätte ich dafür natürlich nicht gezahlt.

Vielleicht doch mehr die Trend-Weicheier.

Aber keine Hassliste ohne Hass. Da wären wir bei Ed Hardy.  Ed Hardy kills my Augenlicht, wie es in der Studi-VZ-Gruppe heißt. Neeeiin, das ist kein Neid, weil ich mir diese geschmackvollen 200-Euro-Shirts und Käppis nicht leisten kann. Wenn ich 200-Euro übrig hätte, würde ich mir lieber ein Lukas-Podolski-Konterfei auf den Rücken tätowieren lassen, als diese unglaublich hässlichen Motive so nah an meinem Körper zu tragen!

Außerdem erinnert mich dieser Name immer an Eis. Ed von Schleck…und da sind wir doch auch schon wieder bei einer

der Haupts300Getty-Ed-Hardy-1251722703upporterinnen von Christian Audigier…da Paris Hilton…sucks…

Ich frage mich schon lange, ob die völlige Überlagerung von schrillen Motiven auf kreischenden Mustern auf das Denkvermögen Einfluss hat. Ich meine, bis ich die gesamte Geschmacklosigkeit mit meinem Sehnerv erfasst und es dann an mein zentrales Nervensystem weitergegeben hab…natürlich hat mein Hirn da keinerlei Kapazitäten mehr frei. Ed Hardy hat das erkannt und versucht nun verzweifelt so schnell wie möglich wirklich jedem erdenklichenen  Gegenstand sein Dessin zu verpassen, damit er endlich wieder mit der Menschheit auf einer Wellenlänge ist.

G o o o oo od Mo o o Go o od Mooo orn…Go o od Mo ornin`! My ..my nam..my name is Ed!

Ni ..nice.. to ..to m e e ..to meet..yo ..yo..you, Ed!

Aber ist Neid vielleicht das Stichwort? Teilen Trends nicht auch immer die Menschen in die, die es tragen können…LEGGINGS…und die, die es nicht tragen oder vielleicht auch nicht finanzieren können? Und Leggings kann nicht jeder tragen..vielleicht in der Einkaufstasche mit sich rum…aber nicht als Beingewand..in manchen Fällen dann auch Beingewinde. Vielleicht schürt das den Hass.

459Getty-Beth-Ditt-1251797515

Umso schöner wenn er dann endlich raus kann. Lästern wird wohl nie aus der Mode kommen, solange die Mode so wichtig ist.

Übrigens ich füge noch etwas hinzu, was ich nicht mehr sehen kann:

Dünne schwarze Krawatten, die sagen sollen: Mann bin ich nonkonform, jugendlich und kreativ!