Paragraphen pauken, nur um Festnahme nicht mit Verhaftung zu verwechseln?

SZ vom 17. August, Schule und Hochschule, S. 14: „Journalistik, ein Leerfach (Detlef Esslinger)

Ticker: Über die Nutzlosigkeit eines Journalistikstudiums

Eins muss man der Sueddeutschen Zeitung in jedem Fall lassen: Es herrscht Homogenität, auch in in der  Unternehmenskommunikation.

Wenn man sich für ein Praktikum beworben hat – und das bereits vor sechs Jahren und vor etlichen attraktiven medialgetunten Masterstudiengängen- wurde einem schon damals von dem lokalen Chefredakteur gesagt: „Studieren Sie bloß nicht Journalistik! Besser BWL oder Jura oder so!“

Grundsätzlich ist das sehr einleuchtend, denn hochkomplexe Inhalte wie sie heutzutage etwa die Wirtschaftskrise tagtäglich aufbringt, werden von Experten natürlich am besten verstanden und dann auch wiedergegeben. Ein persönliches Spezialgebiet ist durchaus von Vorteil, rein theoretisch. Aber da stellen sich doch zwei Fragen:

1. Es ist nachgewiesen, dass die Menschen immer seltener lange Artikel zu Ende lesen und eher den groben Überblick schätzen, als tief in die Materie vorzudringen. In Zeiten von Twitter regiert das Schlagwort. ALso: Wozu eine Darstellung über die allgemeine Leserkompetenz hinaus? Und die allgemeine Leserkompetenz sollte jeder gute Journalist kennen und erfassen können. Wer fachlich interessiert ist, der kauft sich die entsprechende Zeitschrift, deren Anspruch eine Tageszeitung sowieso aus zeitlichen und Kapazitätsgründen nicht erfüllen kann und auch nicht muss.

2. Sollte man wirklich Jura studieren müssen, um Begriffe wie  Festnahme, Verhaftung, Angeklagter oder Beklagter nicht durcheinanderzubringen? Ganz ähnlich wäre es bei Naturwissenschaften. Das Wissen, das man sich aneignet, kann doch nur zu einem ganz geringen Teil im journalistischen Alltag angewendet werden. Ist die Zeit, in der man Paragraphen auswendig lernt, die man niemals zitieren können muss, außer vielleicht bei Prüfungen, oder etliche Male Erbgut repliziert, obwohl man niemals beruflich ans Mikroskop will, nicht genauso Zeitverschwendung wie es laut Detlef Esslinger das Journalistikstudium ist?

Natürlich, ein Journalist sollte grundsätzlich neugierig sein und sich auch mit fachfremden Dingen intensiv beschäftigen. Aber muss das in einem speziellen Fachgebiet wirklich ein ganzes Studium sein?

Zeichnet es nicht vielmehr einen wirklich guten Journalisten aus, wenn er sich in jedes Gebiet einarbeiten kann? Wenn er auch Inhalte, die sehr kompliziert und komplex sind, verständlich und sachlich richtig wiedergeben kann? Und bitte: was soll so falsch daran sein, einen gewissen theoretischen Background das eigene Fach betreffend zu haben? Vor allem in einer Zeit, in der sich durch Web 2.0 und Internet allgemein, Verzeihung, natürlich worldwideweb allgemein, ein Wandlungsprozeß vollzieht. Verbunden mit praktischen Übungen und Praktika ist an dem Journalistikstudiengang nichts auszusetzen.  Denn zu lernen, was der Unterschied zwischen Reportage und Feature ist oder wie man einen Kommentar verfasst, ist keine Zeitverschwendung. Ganz abgesehen von der Möglichkeit zur crossmedialen Ausbildung, die zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Und, um es auf die Spitze zu treiben: Ist das alltägliche Geschäft nicht sowieso eher darauf ausgelegt, ein umfassendes Allgemeinwissen zu haben, gute Kontakte,  Menschenkenntnis und ordentliche Recherchesorgfalt?Welches Studium vermittelt diese Kompetenzen? Denn auch als ehemaliger BWL-Student muss ich mich auf ein Interview mit dem Wirtschaftsminister  nochmal vorbereiten. Selbst wenn ich den Zusammenhang zwischen Staatssubventionen und neuen Rekord-Umsätzen bei den Banken astrein reflektieren kann, politische Kommunikation ist nochmal ein ganz anderes Fachgebiet. Oder: wenn der Herr Guttenberg einen schlechten Tag hat, wie schaffe ich trotzdem eine Atmosphäre, in der ich an meine Infos komme. Oder: schlicht und ergreifend, wie mache ich ihn auf mich aufmerksam? Okay, je nach Handgemenge wären da Börsenerfahrungen gar nicht so schlecht. Nein. Scherz. Letztendlich braucht es hier vor allem Erfahrung.

Und generell zählt : Wer sagt was und welche anderen Quellen können das bestätigen oder widerlegen? Das ist eine Kompetenz, die einem mal grundsätzlich jedes Studium vermittelt! Inhalte objektiv analysieren und sie in ihrem Bezugsrahmen aufzeigen.

So, und allein dieser letzte Satz wäre wohl von beinahe jedem Redakteur gestrichen worden. Zu hochgestochen formuliert. Das versteht doch niemand.

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2 Antworten zu “Paragraphen pauken, nur um Festnahme nicht mit Verhaftung zu verwechseln?

  1. Wofür Journalistik studieren?

    Tja, irgendwie haben da ja beide Seiten recht. Sicherlich ist es nicht schlecht, das Handwerkszeug für seinen angestrebten Beruf intensiv zu erlernen, auf der anderen Seite ist es wohl immer besser, andere Bereiche kennenzulernen um sich nicht innerhalb des berühmten Tellerrandes festzusetzen.

    Nun gut, aber brauche ich denn wirklich ein ganzes Studium um den Unterschied zwischen Reportage und Feature zu lernen, könnte man das nicht am ersten Arbeitstag erklärt bekommen? Nutzen denn wirklich 2 SWS Übung an der Uni, um zu erlernen, wie ich gut schreibe oder die Leserkompetenz einschätze? Braucht das nicht eher viel Praxis und Erfahrung, also eher Praktika?

    Journalistik ist durchaus eine sinnvolle Studienwahl, sofern es sich um einen Teilbereich, sprich Nebenfach des Studiums handelt. Reine Journalistikstudiengänge, gerade im Zuge der Bachelor/Master sind dagegen schon fraglich!

    Was ich persönlich jedoch als besonders sinnvoll erachte, sind eben nicht die praktischen Übungen. Die sind eher der Bonus, welcher nicht schadet, wenn man ins Berufsleben geht, … aber nicht zwingend notwendig, das lernt man dann doch oft besser als PraktikantIn „draußen in der richtigen Welt“.
    Der große Vorteil des Studiums ist es, ein Bewusstsein für den angestrebten Beruf zu erhalten und das sind genau die Dinge, die viele mit dem Satz „ich will doch nicht in der Wissenschaft bleiben, dass brauch ich doch nicht, wenn ich bei der Zeitung arbeite“ abwerten. Genau: Theorien, Zusammenhänge, Entwicklungen, Pressegeschichte, etc. etc.

    Das, was den Journalisten heute doch oft fehlt, ist das klare Bewusstsein für ihre Verantwortung, für ihre Rolle in der Gesellschaft, für die Bedeutung ihrer ungehinderten Arbeit, ihren Einfluss auf Gesellschaft, Staat und Geschichte; welchen Wert Pressefreiheit hat und dass diese nicht selbstverständlich ist; dass man nicht unüberlegt Selbstzensur betreibt oder sich „hintenrum“ zensieren lässt….
    … man könnte noch einiges anfügen, aber ich denke, jeder weiß, was damit gemeint ist.

    Der Journalist ist eben kein Fließbandarbeiter, es reicht nicht sein Handwerk gut zu beherrschen, auch nicht, wenn er das besonders gut kann. Die Verantwortung und der Einfluss auf die Gesellschaft, die mit diesem Beruf einher geht, wird oft extrem unterschätzt und man sollte die Welt dann doch ein paar Dimensionen größer betrachten.
    Und ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube nicht, dass ein Jura- oder Wirtschaftsstudium darauf ausgelegt ist!

  2. Ja, ja, die praktischen Übungen.
    Die Argumentation ist schon richtig, 2SwS ersetzen nicht mal einen Tag in der Redaktion und ich denke, das zu simulieren ist auch etwas schwierig. Was eine solche Übung aber aufbringen kann, ist ein theoretischer Background. Das wiederum kann manchmel den persönliche, berreits etwas eingefahrenen Stil wieder lockern und auf eine solide Basis stellen. und übrigens: wenn man nicht gerade ein SZ-Volo hat, also die Königsklasse, in welcher Lokalredaktion würde man sich die Zeit nehmen, dir solche Basics erstmal ausführlich zu erklären? Ich war froh, dass man mir das Layoutprogramm halbwegs nahegebracht hat und ich nicht komplett ins kalte Wasser geschmissen wurde…

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