Monatsarchiv: Juli 2009

Meine kleine Mondlandung…Momente der Weltgeschichte im TV

Mondlandung

Quelle: ruhuber.ch

Inspiriert von SZ 18./19.Juli, S.13 : „Reiseziel Zukunft“

Ticker: Momente der Weltgeschichte wie etwa der 11.September ,Tode von Lady Di und Michael Jackson, verankert im Gedächtnis von so vielen

Die Lady Di is hinüber – Erich, ich brauch an Schnaps

Ich habe die Mondlandung nicht miterlebt. Sie wissen also jetzt, dass  ich auf jeden Fall jünger bin als 40 Jahre. Ich kann mich gerade so schemenhaft daran erinnern, was ich getan habe, als ich vom Tode der Princess of Wales erfahren habe: Ich bin auf einem Campingplatz in Süditalien an einem Wohnwagen mit Satellitenschüssel vorbeigelaufen, an dem die Bayerische Fahne baumelte. Die Tür stand offen und ich hörte nur durch den Bambusvorhang eine -wahrscheinlich-  Frauenstimme den Fernseher überbrüllen: Erich, leckst mich fett, die Lady Di is hinüber! Ich brauch an Schnaps!

Als die Türme fielen interessierte nichts anderes

So nun ist die Anonymität fast hinüber, jetzt wissen Sie auch noch, dass ich also älter sein muss als 12 Jahre. Sagen wir es so, die Anschläge vom 11. September habe ich bereits in ihrer ganzen Tragweite erfassen können. Und ja, auch ich weiß, was ich in dem Moment gemacht habe, als mir mitgeteilt wurde, dass ein Flugzeug in das World Trade Center gekracht ist. War aber nichts Spektakuläres und Sie wissen ja eh schon viel zu viel von mir.

Aber eins muss ich dazu jetzt sagen: Natürlich war man zutiefst bestürzt über diese Bilder der rauchenden Türme und unglaublich geschockt, als dann auch noch ein weiteres Flugzeug auftauchte und der andere Twintower – nun war das offensichtlich- angegriffen wurde.  Aber ich habe in diesem Moment nicht das Bedürfnis gehabt, Leute anzurufen und zu fragen, was sie sich dabei jetzt gerade gedacht haben. Kollektives Trauma, ja. Aber nicht kollektiver Moment des Aufnehmens, also dieses bewusste Gefühl mit der ganzen Welt fernzugucken. Nein, denn ich denke, je tragischer das Ereignis, desto konzentrierter nimmt man das Gesehene auf. Die Umgebung und die anderen Menschen vor den Flimmerkästen sind da doch erstmal sekundär…natürlich bis es dann zum Austausch kommt. Das würde ich aber als Phase 2 bezeichnen. Bei Ereignissen, die angekündigt sind, ist diese Phase meist vorangestellt, etwa bei  Michael Jacksons Todesfeier. Man hatte vorher schon viel darüber gesprochen, also schaute man sich die Trauerfeier an und nahm für sich Abschied. Klar, irgendwie war das Bewusstsein vorhanden, dass da Millionen Menschen gerade die selben Bilder aufnehmen und genau das Gleiche tun. Immerhin haben das die Moderatoren auch oft genug betont. Aber ich saß trotzdem allein für mich auf meiner Couch.

Die Wetterfee tickt aus – Bin ich doof oder was?

Seltsamerweise hatte ich nur einmal sofort das Bedürfnis einen TV-Moment direkt zu teilen und war wirklich körperlich ergriffen, dass ich das jetzt nicht mit jemandem gemeinsam erlebt habe. Das lag aber vor allem daran, dass ich an meiner eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifelte. War das jetzt wirklich passiert? Das können die doch nicht machen. Diese nette blonde, ausgeglichene Wetterfee im Ersten. Die tickt ja total aus. Hat die gerade mit dem Fuß auf den Boden gestampft wie ein trotziges Kind? Erich, ich brauch an Schnaps!

Ja, das wird Claudia Kleinert noch lange nachhängen. Über den Versprecher hätte wahrscheinlich niemand so lange gelacht.

Da hätte ich so gerne sofort gewusst, welches Gesicht die anderen von den mehr als eine Millionen Zuschauern gemacht haben. Da hätte ich gerne alle Sofas Deutschlands zu einem verbunden und mich dann mit allen kaputt gelacht und spekuliert, ob Frau Kleinert wohl bleiben darf. Das war meine kleine Mondlandung.

Der Grund ist wohl die Unvorhersehbarkeit, aber vor allem, dass es sich nicht um eine menschliche Tragödie handelt.Schadenfreude ist wohl doch immer noch die Beste (und Frau Kleinert ist ja nun wirklich gut davongekommen).

Ich denke die Übertragung der  Mondlandung am 21.Juli 1969 hätte mich wohl auch sehr fasziniert, vielleicht hätte ich eine „Moon“-Party veranstaltet. Aber ich glaube wirklich nicht, dass dieses Ereignis, auch wenn ich es nicht selbst erlebt habe, mit Katastrophen wie Tschernobyl oder den Anschlägen auf das WTC zu vergleichen ist.  Zumindest sind es die Gefühle wohl kaum, die man beim Zusehen hat.



Nicht hinnehmbar? Russische Wortspiele

SZ vom 17. Juli 2009, Titel:  „Entsetzen über Mord an Menschenrechtlerin“

Ticker: +++Russische Menschenrechtlerin ermordet+++Merkel sagt bei Treffen mit Russlands Präsidenten Dmitriji Medwedjew, dass das Verbrechen „nicht hinnehmbar“ sei+++Medwedjew verspricht Aufklärung des Falls“

Nicht hinnehmbar? Was soll das denn heißen, Frau Merkel?

Dieser Tod ist nicht hinnehmbar?

Sie bewegen sich auf einer Ebene mit ihrem russischen Amtskollegen, der eine gründliche Untersuchung des Verbrechens verspricht.

dieser Tod ist nicht hinnehmbar  – dieses Verbrechen wird gründlich aufgeklärt

Welche Bedeutung hat „Tautologie“  im Russischen?Politische Kommunikation?

Frau Merkel beherrscht diese Sprache.

Um das ein wenig zu verdeutlichen, ein Zeitzeugenbericht aus der Stalinzeit, keine Tautologien, aber ein Beispiel dafür wie in Russland öffentliche Meinung gemacht wurde.

Aus Wolfgang Leonhards  „Anmerkungen zu Stalin“, S.16:

„Wenn es also im kapitalistischen Westen baufällige Häuser gab, war dies typisch für den Untergang des Kapitalismus. Waren in der Sowjetunion Häuser baufällig, dann handelte es sich um die Reste der zaristischen Vergangenheit.

Wenn im kapitalistischen Westen die Preise erhöht wurden, war dies ein untrügliches Zeichen für die Verschärfung der Ausbeutung der Arbeiterklasse und der Werktätigen. Wenn dagegen in der Sowjetunion die Preise erhöht wurden, war dies eine bedeutende volkswirtschaftliche Maßnahme für den sozialistischen Aufbau. Das war alles klar und deutlich.“

Man muss es gut verkaufen. Das Volk still halten.

Nicht hinnehmbar. Das bedeutet im Deutschen (Merkel): ich finde das nicht in Ordnung, aber ich mache keinerlei Aussage über etwaige Konsequenzen. Eine völlig neutrale Formulierung. Druck sieht anders aus.

Im Russischen (Medwedjew) bedeutet das: Ich werde noch ein bißchen was von zaristischen Bauruinen erzählen und dann verläuft die Sache auch wieder im Sand. Die Politkowskaja haben sie ja auch schon fast wieder vergessen.

Tschetschenien

Definitv keine Reste der zaristischen Vergangenheit

Wer ist der Nächste?

Fakt ist aber, auch 60 Jahre nach Stalin: Menschen, die sich in Russland öffentlich kritisch äußern und gegen Menschenrechtsverletzungen kämpfen, leben gefährlich – lebensgefährlich. Auf der Beerdigung von Natalja Estemirowa hat jemand ein Schild hochgehalten: „Wer ist der Nächste?“

Diese Botschaft ist eindeutig. Demokratie und Rechtsstaat sieht anders aus.  Ob die Mörder aus Tschetschenien kommen oder nicht, es ist Aufgabe des Staates diese Verhältnisse zu beseitigen. Da werden Wortspiele aber nicht reichen.



Wenn George W. mein Nachbar wäre…

SZ-Magazin vom 3.Juli 2009, S. 14: „Oh W“

Eine Möglichkeit... Quelle: blogwiese.de

Eine Möglichkeit... Quelle: blogwiese.de

Hello Mr.Bush! How are u doing today?

Thanks, fine! What about you?

Oh, awesome, thank you very much. We’ll have a BBQ tonight, would be nice if you…

Yes, of  course!I’ll make a salad! What kind  do you prefer? I’m pretty famous for the tomato one! I add Gin…but do not tell that to the other neighbours, ok? It’s my  secret…

Nein, nein, nein. So sähe es bei mir nicht aus, wenn ich in einem noblen Villenviertel im Norden von Dallas leben würde und George W. seit Neuestem mein Nachbar wäre. Ich hätte mir auch kein Schild mit „Willkommen zu Hause, George &Laura“ aufgehängt. Ich würde mich wohl zu den 73 Prozent der Amerikaner zählen, die ihn und seine Politik ablehnten.

Aber neugierig wäre ich schon.

George steht in seinem Garten und spritzt die Pflanzen mit einem Wasserschlauch ab.

Hi George!

Hi Nachbar!

Sag mal, haste das mit dem Waterboarding schon mal selber ausprobiert?

Nö, wieso?

Außerdem würde mich wirklich interessieren, ob er tatsächlich davon ausgeht, die Geschichte würde seine Rolle würdigen. Denn: er ist nicht nur namentlich eine verschwommene Kopie seines Vaters. George Bush junior regierte wie sein Vater, befahl den Krieg gegen Afghanistan und den Irak. Dumm nur, dass es bis zum Ende seiner Amtszeit zu keinem erfolgreichen Abschluss gekommen ist. Im Gegenteil: eine klaffende und pochende Wunde im Nahen/Mittleren Osten, ein aussichtsloser Kampf, dem sich jetzt Obama widmen muss.  In Afghanistan startet heute die Großoffensive.

George liegt in der Sonne und liest ein Comic.

Und George W., meinen Sie das bringt was? Nochmal das Dreifache an jungen Kerlen und Mädels, die sonst keine Perspektive haben und auf die „health insurance“ setzen, in das Gefecht zu schicken? 60 000 Söhne, 60 000 Väter, 60 000 Brüder…60 000 Töchter, 60 000 Mütter, 60 000 Schwestern…

George lacht. Ach, das war heute? Ich muss mal kurz telefonieren, sorry!

Und weg ist er in seiner Villa.  Im Radio singt PINK „Dear Mr. President“. Laura backt gerade, die Tochter kommt heute zu den Eltern…

Schade, ich wollte ihn doch endlich mal fragen, was er damals bei Michael Moores Oskarrede gedacht hat! „Shame on you, Mr. Bush!“

Na ja. Ich seh ihn ja heute Abend beim BBQ. Auf den Tomatensalat bin ich wirklich gespannt.

Einige Zitate, die ich gerne auch mal am Gartenzaun hören würde: Bushs Rhetorikkünste.

Kleine Kostprobe:

”You know, one of the hardest parts of my job is to connect Iraq to the war on terror“