Die Wut im Bauch

In Anlehnung an Kommentar „Ein wertvoller Streik“. SZ, 17. Juni 09, S. 4

Studenten protestieren, Studenten sind unzufrieden…

Der eine oder andere wird bei den Bildern, die heute entstehen werden beim Studentenstreik, ein leicht wohliges Gefühl bekommen und mit einem Lächeln auf den Lippen zu seiner Frau sagen: Schatz, wie bei uns damals. Als wir noch jung waren und gegen Krieg, Faschismus und Autoritäten.

Ach ja…schön war das. Ein Gefühl wie Schmetterlinge im Bauch, oder? So leicht verrucht. Ich hab schon was erlebt, ja, ja…

Die Gründe liegen nicht im Nirvana

Es muss wirklich schön gewesen sein als man noch stellvertretend für andere protestierte. Für einen Idealzustand.  Die Studenten von heute protestieren, weil die Umstände ihnen mehr und mehr die Luft zum Atmen nehmen. Die Gründe, auf die Straße zu gehen oder zu streiken, liegen nicht irgendwo im Nirvana. Nein, die meisten sehen die Gründe bereits  im Spiegel am Morgen, wenn einem ein blasses Gesicht mit dunklen Augenringen entgegenschaut. Hallo, ich kenn dich nicht, aber ich wasch dich trotzdem…

Blass und Augenringe – nicht vom Feiern

Blass und schwarze Augenringe – nicht weil man am Abend feiern war. Nein, weil man bis tief  in die Nacht gekellnert  hat und nun, nach vier Stunden Schlaf, in die Vorlesung muss. Tja, Herr Stoiber, die ein bis zwei Nachhilfestunden zusätzlich haben einfach nicht gereicht. Die meisten arbeiten jenseits von irgendwelchen Tarifgrenzen und versuchen nebenbei ein bißchen zu studieren. Scheine abarbeiten.

Aus Interesse in die Bib? Keine Zeit!

Zeitung lesen? Zwei am besten, eine nationale und eine internationale? Machste Witze, Spiegel-Online muss reichen. Und da am besten nur die Previews..

Literatur, Theater, Kunst? Würde gerne, in nem Monat stehen aber wieder Studiengebühren an. Ach Studium, wärest du doch nicht so teuer…

Sicher, es gibt die Semesterferien. So eine laaaange Zeit. Das stimmt schon. Da kann man sich Geld verdienen, da kann man Bücher lesen, alles wozu man so nicht kommt.

Wäre da nicht dieses andere Problem: Praktika, Hausarbeiten, und..kein Witz: Krankheiten. Immer mehr Studenten halten dem Druck nicht mehr stand. Das ständige Gefühl nicht genug zu tun und dann noch die Aussicht, vermutlich eh keinen Job zu bekommen wegen der Wirtschaftskrise, hinterlässt Spuren. Kleine und größere Burnouts müssen in den Semesterferien auskuriert werden.

Allerdings ist das nicht bei allen so. Da wären immer noch die Kommilitonen, die einfach Glück hatten. Warum? Entweder sehr arme oder sehr reiche Eltern. Erstere haben zum Teil so hohe Bafög-Sätze, dass sie gut davon leben können, letztere haben halt  Pappi. Das soll nicht abwertend sein. Aber es ist nachvollziehbar, dass es eine gewisse Wut im Bauch gibt, wenn man diese ausgeschlafenen, frischen Menschen neben sich sitzen hat, die überlegen, ob sie abends nicht noch zu der Kulturveranstaltung gehen sollen. Ich? Nein, ich muss arbeiten, sorry…Ach Mensch, nie gehst du mit!Man muss sein Studentenleben auch genießen!

Gerecht ist das nicht. Auf der anderen Seite: Die Studenten müssen heutzutage lernen, sich gut zu organisieren. Sonst bekommt man zwei Jobs und Studium nicht auf die Reihe. Das Problem:

Studium sollte Priorität haben. Sehr schwierig für Studenten, die versuchen, irgendwie ihr Leben zu finanzieren. Und nein, es geht  freilich nicht ums nackte Überleben. Die Bildungswelt ist noch keine Dritte-Welt, aber es geht um Existenzminima. Ganz ehrlich: Wenn Studenten ihre Zeit nicht mehr für das (Selbst-)Studium nützen können, oder, wie die Bachelorleute völlig überschütttet werden mit Pflichtveranstaltungen und sich nicht mehr ihren Interessen widmen können, wozu soll es die Hochschule denn noch geben? Lernen nach Plan, das ist gymnasiales Niveau.

Die Uni sollte die Entwicklung von Fachkräften fördern. Sie sollte neugierige, gebildete und forschende Menschen hervorbringen. Die Voraussetzungen dafür sind momentan absolut nicht gegeben. Von der Qualität der Lehre ganz zu schweigen. Aber das wäre schon wieder ein neuer Punkt. Auch einer, der Wut im Bauch verursacht.

Was sagt die Bildungsministerin dazu?




Advertisements

2 Antworten zu “Die Wut im Bauch

  1. Depremierend, aber leider wahr!
    Selbst Studierende mit BaföG-Höchstsatz sind auch gezwungen zu arbeiten, wenn sie damit Miete, Lebensunterhaltungskosten und Studiengebühren finanzieren und daneben vielleicht noch ein paar soziale Kontakte erhalten wollen. Und damit meine ich nicht Studentenparties bis spät in die Nacht, sondern – wenn ich einen bayerischen Professor der Geschichte zitieren darf: „Im Café mit Kommilitonen lernen sie oft mehr, als in irgendwelchen Vorlesungen an der Uni.“

    Da ist was Wahres dran! Also warum nicht auch seine Nebenjobs nach dem fachlichen Bezug aussuchen? HiWi! Klar!
    Nur erhält man als studentische Hilfskraft an einer bayerischen Universität vom Freistaat Bayern einen Lohn, der weit weit weit entfernt von dem ist, was bei den Mindestlohndiskussionen zur Sprache kommt.
    Depremierend, aber leider wahr!

    Vielleicht erübrigt sich dieser Makel sowieso bald von selbst, denn sind erstmal alle Bachelor, hat sowieso niemand mehr Zeit, für einen Hungerlohn noch nebenbei für seine Hochschule zu arbeiten. Diverse Lehrstühle haben jetzt schon gewaltige Probleme, überhaupt Nachwuchs hierfür zu finden.

    Tja, depremierend, nicht wahr?

  2. Wirklich interessant wird es dann tatsächlich, wenn die BAs aufs Berufsleben losgelassen werden…
    Auslandserfahrung? – Ne, gab keine Credits (vom Geld ganz zu schweigen)
    Praktika? – Bitte wann?
    Social skills? – -„-

    Es ist ja wie bei vielem so, dass Gesetze und Beschlüsse leider von denen erlassen werden, die nichts mehr mit der eigentlichen Materie zu tun haben (…so ist das auch mit der Kritik…).
    Reformieren wir also fröhlich unsere Bildungselite zu fachidiotischen Stressbündeln, die während ihrer Studienzeit mehr Zeit beim Therapeuten als bei außeruniversitären Aktivitäten verbracht haben.

    Wieso kommt mir eigentlich gerade Fritz Langs „Metropolis“ als Bild in den Kopf?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s